Aiki Jiu Jitsu

 


Eine Interpretation aus
der Sicht des Aikido

Ulrich Schümann
4. Dan Aikido

Januar 1983, 2. überarbeitete Fassung im März 1995
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verfassers!

1. Einleitung

Mit dieser Abhandlung möchte ich auf der Grundlage eigener Erfahrung und Beobachtung und unter Bezugnahme auf themenverwandte Literatur Zusammenhänge zwischen Körperhaltung und Gleichgewicht und ihre Wechsel- und Auswirkungen aus der Sicht des Aikido interpretieren. Mit beispielhaften und vergleichenden Betrachtungen sollen Bedeutung und Möglichkeiten des Aikido-Trainings für das geistig-seelische und körperliche Gleichgewicht aufgezeigt werden.

Zunächst wird die naturgeschichtliche Entwicklung zum aufrechten Gang betrachtet. Anschließend sollen die Voraussetzungen für statisches und dynamisches Gleichgewicht erfasst werden und der Gleichgewichts-Aspekt auf die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt angelegt werden. Die Abhandlung endet mit allgemeinen aikidospezifischen Schlussfolgerungen.


2. Entwicklung zum aufrechten Gang

Die Entwicklung des Menschen aus einer stammesgeschichtlich primatenähnlichen Körperhaltung und Fortbewegung zum aufrechten Gang bietet im Vergleich zur übrigen Tierwelt interessante und aufschlussreiche Aspekte.

Bei aufrechter Körperhaltung ergibt sich im Gegensatz zur Haltung der vierbeinigen Säugetiere für das den Menschen stützende Knochengerüst, insbesondere für die Wirbelsäule eine andere Lastverteilung. Das Körpergewicht lastet vornehmlich senkrecht auf der Wirbelsäule, wobei in den in der Kopf-Fuß-Linie sich befindenden Gelenk- und Wirbelknochen (Wirbel, Hüftgelenk, Knie, Fußgelenk) besondere Belastungen auftreten. Der menschliche Körper hat sich diesen gegenüber einer vierbeinigen Haltung veränderten Belastungen in seinen anatomischen Details angepasst, wobei nach Auffassung einer Lehrmeinung die darauf aufbauende bzw. damit einhergehende Entwicklung zum "homo sapiens" erst möglich wurde.

Ein Ergebnis dieser für uns jetzt natürlichen, aufrechten Haltung ist die Entlastung des vorderen Stützpaares, der Arme, die befreit von ihrer Körper tragenden Funktion sich in der Gelenkfixierung sehr beweglich entwickeln konnten.

Schultergelenk und -Blatt werden durch Bänder, Sehnen und Muskulatur wesentlich beweglicher als zum Beispiel das Hüftgelenk gehalten, das ja hauptsächlich eine Drucklast aufzunehmen hat. Befreit von der Aufgabe, hohe Last- und Kraftmomente in die beweglichen Teile zu übertragen, hat also das Bewegungsvermögen der Hand-, Arm- und Schultergelenke so zugenommen, dass im Moment der Übertragung des Kraftimpulses die sich gegenseitig überlagernden und stützenden Muskelstränge fest angespannt werden müssen. Allein aus dieser anatomischen Betrachtung können wir wichtige Lehren für die Haltung der Tegatana ziehen.

Bedingt oder zumindest einhergehend mit der Entlastung der Arme konnten diese sich für andere Aufgaben und Möglichkeiten, als Umwelt "begreifende" und den menschlichen Willen ausdrückende Instrumente der Gestaltung weiterentwickeln. In irgendeinem Glied der Übertragungskette wirken wir bei unserer Wesensverwirklichung mit Armen und Händen auf unsere Umwelt, auch bei Unterstützung mit technischen Hilfsmitteln.

Die sich damit dem Menschen eröffnende Dimension der Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten - die Entwicklung zur Mannigfaltigkeit - vermindert die anatomische Spezialisierung: Hände taugen nicht so gut zum Schwimmen wie Flossen, nicht so gut zum Fliegen wie Flügel, nicht so gut zum Klettern wie Krallen usw.. Tiere vermögen die mit der Spezialisierung verbundene Minderung der Gebrauchsfähigkeit zu anderen Zwecken nicht auszugleichen. Der Mensch kann jedoch mit Hilfe technischer Werkzeuge, die er Kraft seines Geistes und handwerklicher Geschicklichkeit geschaffen hat, sich immer wieder Anlass bezogen besonderen Aufgaben und Anforderungen und damit fast allen Lebensbedingungen anpassen. Wenn wir unsere Kinder beobachten, wie sie alles anfassen und mit ihren Händen untersuchen, wird uns auch bewusst, dass wir sehr viele Informationen mit unserem Tastsinn aus der Umwelt aufnehmen, unsere Umwelt also mit den Händen "begreifen" und ein aus dieser Erfahrung geprägtes "begriffliches" Weltbild haben, in dessen Dimensionen handeln und leben.

Wir dürfen wohl annehmen, dass bei der anatomisch-geistigen Wechselbeziehung in der Evolution des Menschen Hände und Arme eine hervorstehende Bedeutung haben. Selbstgeschaffene Werkzeuge und Hilfsmittel führen uns an die Leistungsparameter der Lebewesen heran und übertreffen sie mittlerweile sogar, die sich spezialisiert haben. Es ist sicherlich nützlich, einmal im Hinblick auf diese geschichtliche Entwicklung darüber nachzudenken, was man mit Hilfe von Übung und Training prinzipiell anstreben sollte: Spezialisierung auf einen ganz bestimmten Zweck und Steigerung der diesbezüglichen Leistungsparameter oder Verbesserung der jederzeitigen Anpassungsfähigkeit an veränderte Situationen.

Der aufrechte Gang entlastet jedoch nicht nur das Armpaar, sondern auch die Nackenmuskulatur von stützender bzw. haltender Aufgabe. Die Nackenmuskulatur muss bei den meisten Vierbeinern den Kopf in Verbindung mit den Halswirbeln frei schwingend und federnd halten. Der Mensch braucht seinen Kopf nur auf der Halswirbelsäule in Balance zu halten. Dies hat zur Folge, dass

    • · die Muskelzugkräfte am Schädel nachlassen
      (Ansonsten zwingen diese Zugkräfte dem Schädel eine anatomische Form auf, die einer Entwicklung zur Vergrößerung des Gehirnvolumens entgegensteht.)
      und
    • · der Kopf eine wesentlich größere Beweglichkeit nach allen Seiten erhält.

Abgesehen von dem somit vergrößerten Wahrnehmungshorizont wurde der Mensch in die Lage versetzt, das Großhirn als Träger des Bewusstseins zu entwickeln, um zu einem weitgehend rational handelnden Wesen zu werden. Mit dem Aufrichten des Oberkörpers hat sich der Mensch mit einem Tragepaar vom Erdboden gelöst. Mit der Veränderung der Körperhaltung hat sich auch seine Schwerpunktlage verändert. Der Körperschwerpunkt liegt weiter oben, man steht nicht mehr so fest und sicher auf dem Boden und ist mit ihm nicht mehr so verwurzelt wie bei den Vierbeinern. Einen aufrechten, beweglichen Körper auf zwei Beinen zu balancieren, ist schwieriger, als ihn auf vier Stützen zu stellen.

Der Körper (in Ruhestellung) ist dann ausbalanciert, wenn der Masseschwerpunkt, welcher in Hüft-Bauchhöhe zu suchen ist, in der Kopf-Fuß-Linie liegt, die wiederum bildlich gesehen möglichst nahe an die Wirbelsäule heranrücken sollte. Da die Wirbelsäule nicht nur stützen soll, sondern auch nach allen Richtungen beweglich sein und in sich schwingen können muss, zeigt die gesunde, natürliche Form einen "Doppel-S-Bogen". Man braucht kein Biologe oder Mediziner zu sein, um die unterschiedlichen Auswirkungen zwischen aufrechter und nach vorn geneigter Haltung des Menschen zu erkennen. Für eine dauernde "Ski-Fahrer-Haltung" ist unsere Wirbelsäule nicht mehr ausgelegt. Bei schräger Haltung des Oberkörpers würden Belastungen in der Wirbelsäule entstehen, für die sie nicht mehr vorbereitet ist. Muskelverspannungen wegen Dauerverspannungen und erhöhter Bandscheibenverschleiß dürften die Folgen sein. Da wir zudem noch ein durchschnittlich hohes Alter erreichen, kommt auch der sportliche Jugendliche, der sich unnatürlichen und hohen Belastungen ausgesetzt hat, in späteren Jahren in den "Genuss" der Folgeerscheinungen körperlichen Verschleißes.

Ein Abweichen von dieser natürlichen aufrechten Haltung erschwert auch die Aufrechterhaltung der Balance und raubt dem Menschen auf Dauer die Standfestigkeit. Begleitend zur Entwicklung des Körpers und zur aufrechten Haltung soll auch die Entwicklung des menschlichen Verhaltens im Vergleich zur Tierwelt kurz betrachtet werden. Da die Entwicklung des Menschen wie bereits festgestellt eher durch eine Abkehr von körperlicher Spezialisierung gekennzeichnet ist, haben sich seine kaum vorhandenen Körperwaffen (Gebiss) noch weiter zurückgebildet. Er besitzt keine natürlichen Körperwaffen, mit denen er sich bei den Formen innerartlicher Aggression (Rang- und Territorialkämpfe) ernsthaft verletzen könnte. (Was nicht ausschließt, sich auch ohne Waffen umzubringen, wenn eine Tötungsabsicht besteht.) Möglicherweise sind aus diesem Grunde auch innerartliche Tötungshemmungsmechanismen wie z.B. Beschwichtigungs- und Demutsgebärden weniger entwickelt. Zumindest sind sie bei Menschen weit weniger deutlich zu beobachten. Bei den Arten mit gefährlichen natürlichen Körperwaffen (Gebiss, Hörner usw.) sind dagegen sehr deutliche Formen ritualisierter Rangkämpfe, Demuts- und Beschwichtigungsgebärden erkennbar, welche letztlich der Erhaltung der eigenen Art dienen. Daher werden tödliche Verletzungen in Rangkämpfen eher bei den Arten ohne gefährliche Körperwaffen beobachtet. Sperrt man z.B. zwei weiße Tauben, die bekanntlich als (biblische) Symbole für Friedensboten dienen, in einen zu engen Käfig, bekämpft der Sieger in dem anschließenden Territorialkampf den Verlierer auch dann noch, wenn dieser verletzt in der Ecke liegt. Da der unterlegenen Taube die Flucht als natürliche Reaktion wegen der vom Menschen willkürlich veränderten Umweltbedingungen (=Käfig) nicht mehr möglich ist, wird der Zweikampf tödlich ausgehen. Die Taube, die allgemein als ungefährlich gilt, tötet ihresgleichen. Sicherlich interessant wäre es festzustellen, wie weit sich ähnliche ritualisierte Verhaltensformen zum Schutze der eigenen Art beim Menschen entwickelt haben.

Da die sicherlich vorhandene Tötungshemmung des Menschen aufgrund Vergrößerung der Kampfdistanz (die in der technischen Entwicklung einhergeht mit der Vergrößerung der Wirkung im Ziel, der Treffsicherheit und Feuergeschwindigkeit der Waffensysteme), wodurch Kampf ohne unmittelbaren Kontakt und "Erkennen" des Kontrahenten als "Stammesbruder" ermöglicht werden, nicht mehr genügend wirksam ist (für diese Behauptung gibt es Beispiele genug), moralisch-ethische oder religiöse Normen offenbar nicht ausreichen, müssen unterstützende Wege der Konfliktbewältigung gefunden werden.

Da Aggression als Instinktverhalten m.W. wissenschaftlich gesichert an sich nicht zu unterdrücken ist, erwachsen für die Menschheit bei fortschreitender Technisierung und damit Potenzierung der vernichtenden Gewalt große Gefahren. Dies betrifft nicht nur Waffentechnik an sich, sondern den Einsatz der Technik insgesamt zur Durchsetzung des eigenen Willens - häufig gegen die Natur -, den ich häufig ebenfalls als aggressiv bezeichnen möchte.

Das Aikido bietet neben seinen körperlichen Aspekten aufgrund des mit dem regelmäßigen Training verbundenen Lernprozesses, der Besinnung auf grundlegende Prinzipien und der Prägung zu einer den Harmoniegedanken tragenden Persönlichkeit einen guten Weg, das eigene Verhalten in die richtige Balance zu bringen.


3. Haltung

In dem Maße, in dem der Mensch versucht, kraft seines Intellektes seine Umwelt zu gestalten oder gar zu beherrschen, hat auch die Gefahr zugenommen, sich den Gesetzmäßigkeiten der Natur zu entfremden. Insbesondere die westliche Kultur, das "Abendland" als Beispiel analytischer und methodischer Denkweise (vergleiche F. Capra, "Cartesianisches Weltbild") mit der daraus resultierenden Gefahr der Selbstüberschätzung hat sich in der Vorstellung des körperlichen Schönheitsideals von den natürlichen Maßen bisweilen stark entfernt. Die zeigt sich zum Beispiel deutlich in der Bewertung des Bauches, abzulesen an den vorgegaukelten Idealtypen, wie wir sie in der Mode und in der Werbung als Bedürfniswecker präsentiert bekommen.

Während im Aikido-Ursprungsland der Bauch als natürlicher Ausdruck von "Hara", dem körperlichen Mittelpunkt des Menschen erkannt und gewünscht wird, was auch von der traditionellen Kleidung unterstrichen wird, genießt er bei uns bislang eher das Ansehen unsportlicher Trägheit, Schlaffheit und wird allenfalls als Zeichen weltlichen und leiblichen Wohlstandes anerkannt. Die offensichtlichen Beispiele für die Unterdrückung des Bauches (Mode, Militär) fordern zu einer genaueren Betrachtung auf. Die Bedeutung des Bauches für Haltung und Gleichgewicht beschreibt Karlfried Graf von Dürckheim wie folgt: "Der Bauch ist nicht eingezogen, sondern freigegeben und mit einer leichten Spannung betont, die Schulterpartie ist nicht gespannt, sondern lose, aber der Rumpf ist fest. Die aufrechte Haltung ist Ausdruck einer Achse, die sich selbständig in der Vertikalen hält. Aufrecht, standfest und gesammelt - das sind die drei Zeichen der Haltung, die für den Japaner, der in seinem Sinne richtig steht, charakteristisch ist und als ganzes Ausdruck für . . . Hara ist."

Möglicherweise läßt das Wissen um das Vermögen der Hände und des Geistes die Bedeutung der "Mitte" vergessen; im Aikido wird man sich dieser Bedeutung jedoch deutlich bewusst.

In aufrechter Haltung sollen keine Muskeln bewusst angespannt sein, der entspannte Körper soll mit minimaler Muskelkraft in jede Richtung bewegt werden können. Die aus vielfältigen Gründen vorhandenen Verspannungen der Muskulatur gilt es also zu lösen und abzubauen.

Das Körpergewicht soll sich gleichmäßig auf Hacken und Ballen der Füße verteilen. Lastet es nur auf dem vorderen oder hinteren Teil des Fußes, wird damit angezeigt, dass der Körper nicht in seinem natürlichen Lot ist. Dies bedeutet in der Regel, dass der Oberkörper oder Teile davon vor- oder zurückgebeugt sind; die dadurch entstehenden Hebel- und Kippmomente müssen mit Muskelkraft gehalten und somit durch dauernde Anspannung einiger Muskelpartien ausgeglichen werden. Es kann auch umgekehrt sein: Dauernde Muskelan- oder Verspannungen zwingen zu einer schiefen Haltung und treiben den Körper aus seinem natürlichen Lot. Ausbalanciert ist letztlich jeder, denn sonst würde man ja andauernd umfallen. Nur in seinem natürlichen Lot steht nicht jeder. Vor allem Größere, die sich dauernd nach unten orientieren, zeigen eine ungerade Haltung.

Steht man locker und entspannt, ohne dass einem die momentane Haltung auf Dauer unangenehm wird und man sich recken möchte, ist dies ein Zeichen für eine weitgehend aufrechte, natürliche und ausgewogene Haltung. In dieser Stellung ist man nach allen Seiten offen und beweglich.

In Erwartung eines Angriffes oder - abstrakt ausgedrückt - einer auf sich gerichteten Kraft ist es günstig, eine Haltung und Stellung einzunehmen, aus der man sowohl gut ausweichen als auch das eigene KI fließen lassen kann. Dazu wird ein Fuß leicht nach vorn in Richtung auf das erwartete Gegenüber geführt und etwas auswärts gedreht. Das Auswärtsdrehen des vorderen Fußes ist eine methodische Hilfe zur Ausrichtung der Hüfte nach vorn, die sonst dazu neigt, seitlich oder schräg zu stehen. Der hintere Fuß steht ungefähr rechtwinkelig zum vorderen, so dass trotz eines vorgeschobenen Fußes die Hüfte quer zur Wirkungslinie des gesamten Körpers steht und die Füße ein auf dem Kopf stehendes "T" bilden. Diese Grundstellung der "Verteidigungsbereitschaft" gewährleistet ausreichende Stabilität des Körpers nach allen Seiten, große Wirkungsmöglichkeiten nach vorn und zurück, das heißt, der Körper kann bei großer Stabilität gut vor- und zurück beschleunigt werden. Außerdem wird er vergleichbar mit einer aufgezogenen Feder mit dieser Körperhaltung in bestimmten "Muskelschlingen" so leicht unter Spannung gesetzt, dass er gut Drehbeschleunigungen durchführen kann, die im Aikido ja sehr wichtig sind.

Der Körper soll auch in dieser Stellung so aufrecht wie möglich gehalten werden; das Lot, durch den Körperschwerpunkt gefällt, führt vom Kopf auf die Mitte der mit den Füßen gebildeten Aufstandsfläche.

Ein weiterer Hinweis auf die biologisch-anatomischen Funktionen der Muskelsteuerung soll den Unterschied zwischen Labilität und Stabilität/Gleichgewicht verdeutlichen:

Das Kleinhirn wirkt als Schaltzentrum für die Erhaltung des Gleichgewichts und für die Ausführung geordneter Bewegungen der Glieder, ist Sitz lebenswichtiger Reflextätigkeiten und regelt den Spannungszustand der Muskulatur. In ihm laufen alle Meldungen aus Gleichgewichtsorgan im Ohr, den Augen und den zahlreichen Sinnesorganen in den Muskeln, Sehnen und Gelenken und der Haut, aber auch die Befehle aus dem Großhirn und dem Hirnstamm für die Bewegungen zusammen und werden dann zu Impulsen für die Muskeln verarbeitet.

Solange die Muskeln des Körpers von dem "willkürlichen System", also von dem eigenen Willen regiert werden, befindet man sich im stabilen Gleichgewicht. Verliert man auch nur für den kürzesten Augenblick dieses Gleichgewicht (Stolpern), übernimmt das automatische System (Kleinhirn) reflexartig die Kontrolle über die Muskelsteuerung und führt den Körper in das stabile Gleichgewicht zurück. Für diesen kurzen Zeitraum der automatischen Bewegungskorrektur sind Wille, Gefühl und Körper gemeinsam nur auf ein Ziel gerichtet: die körperliche Balance wiederherzustellen und den Fall zu vermeiden. Von diesem Ziel abweichende willkürliche Bewegungen sind kaum möglich. Je stärker vorher Körper und Geist auf ein Ziel ausgerichtet waren, um so stärker trifft einen die plötzliche Desorientierung, wenn die Reflexsteuerung zur Wiederherstellung der Balance einsetzt. Dass dies innerhalb von Sekundenbruchteilen geschieht, zeigt nicht nur die Leistungsfähigkeit unseres Bewegungsapparates an, sondern auch den begrenzten zeitlichen Rahmen, der uns im Aikido für Ausweichbewegungen und für die Anwendungen der Verteidigungstechniken in der jeweils ersten Phase bleibt.

Es wird verständlich, dass derjenige, der die Einheit von Körper und Geist, also sein körperlich-geistiges Gleichgewicht wahrt, einem anderen kaum Ansatzpunkte für Beeinflussung und Führung bietet und damit schwerlich beherrscht werden kann (Das macht die "Bedürfnislosen" so stark!), der umgekehrte Fall ist eher anzunehmen.

Im Aikido müssen wir zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes sowohl im Stand als auch in der Bewegung mittels aufrechter Haltung den eigenen Schwerpunkt ("Hara") möglichst über dem geometrischen Schwerpunkt der mit den Füßen gebildeten Aufstandsfläche halten.

"'Brust heraus - Bauch herein' ist die kürzeste Formel für eine grundsätzliche Fehlhaltung des Menschen, genauer gesagt für eine Fehlhaltung, die eine falsche innere Haltung nahe legt und fixiert. Wo der Schwerpunkt nach oben verlagert und die Mitte abgeschnürt wird, wird auch das natürliche Verhältnis von Spannung und Lösung durch ein Missverhältnis verdrängt, das den Menschen in ein hin- und Herwechseln zischen Verspannung und Auflösung treibt. Das kann zu einer Gefahr für das Volk werden, weil sich in dieser Fehlhaltung eine Scheinordnung der inneren Kräfte ausdrückt und fixiert, die gültige Ordnung verhindert." (aus "Hara, die Erdmitte des Menschen").

4. Das dynamische Gleichgewicht

Während es einem im unbewegten Zustand nicht sonderlich schwer fällt, aufrecht und entspannt zu stehen, ändern sich die Verhältnisse in der Bewegung; noch schwieriger wird es, in der Kraftübertragung die Balance zu halten.

Wird der Körper aus dem entspannten, ruhenden Zustand heraus beschleunigt, wird dazu, wenn auch nur für den kürzesten Augenblick, die statische Balance aufgegeben. Wollte man die statische Balance ständig bewahren, wären keine Ortsveränderungen möglich, sondern höchstens Bewegungen einzelner Körperteile, deren entgegen gesetzte Vektoren sich ausgleichen und aufheben. Die Startposition eines Kurzstreckensprinters im Vergleich zu den schlangenhaften Bewegungen einer thailändischen Tempeltänzerin verbildlichen den Unterschied sehr deutlich.

Jede noch so kleine Körperbewegung kann man sich als eine Vielzahl von Einzelbewegungen vorstehen, die sich in ihren Hebelwirkungen und Beschleunigungskräften gegenseitig ausgleichen.

Unsere Fortbewegung entsteht dadurch, dass eine Kipp-/Fallbewegung des Körpers mit dessen Beschleunigung einhergeht und dadurch ausgeglichen wird. Bleibt das Beschleunigungsmoment aus, weil man zum Beispiel ausrutscht, verliert man das Gleichgewicht in ungewohntem Maße. Reflexartig, von dem automatischen System gesteuert, wird der Körper nun um so mehr beschleunigt, um das erhöhte Kipp-/Fallmoment auszugleichen.

Die ungestörte Fortbewegung stellt eine Form des Gleichgewichts in der Bewegung ("dynamisches Gleichgewicht") dar, in der Beschleunigung und Verzögerung, Kippen und Aufrichten, Spannung und Entspannung sich rhythmisch wiederholen und ausgleichen.

Rhythmus und Schwingungen sind Kennzeichen der Natur und des Lebens, die man im Mikro- und Makrokosmos überall entdecken kann und deren entgegen gesetzte Pole oftmals nur isoliert als Gegensätze statt als Pole einer Einheit angesehen werden (vergleiche F. Capra, "Der kosmische Reigen", zwischenzeitlich geändert in "Das Tao der Physik").

Gleichgewicht in der Bewegung anzustreben, sollte nicht dazu führen, einzig und allein nur auf maximale Standfestigkeit und Stabilität bedacht zu sein. Dieses Ziel könne nur bei größter Aufstandsfläche und sicherem Bodenkontakt erreicht werden (spaßeshalber als "Eiffelturmsyndrom" bezeichnet); in einer solchen breitbeinigen Position ist der Aikidoka so unbeweglich, dass strömende Kräfte an ihm vorbeifließen oder Kontakte sofort wieder abreißen, so dass eine rechtzeitige und harmonische Koordination der eigenen Bewegung mit der des anderen und damit Beeinflussung und Steuerung der wirkenden Kräfte nach den Prinzipien des Aikido nicht mehr möglich sind.

Diese Position kann nicht das Ziel sein, da sie zur Starrheit, Kontakt- und Wirkungslosigkeit führt und es auch für den Stabilsten in der Regel eine stärkere Kraft gibt, die einen dann wirft oder gar bricht. Zitiert wird im Aikido-Unterricht daher auch gern das bekannte Beispiel von der starken, jedoch unbeweglichen Eiche und der schwachen, beweglichen Weide. Letztere beugt sich zwar schon bei schwachem Wind, übersteht aber auch den stärksten Sturm, während die Eiche dann gar entwurzelt oder gebrochen wird.

Beim alternativen Extrem der maximalen Beweglichkeit fehlt das ausreichende Maß an Stabilität für eigene Handlungen und man gerät zum Spielball der wirkenden Kräfte.

Zwischen diesen beiden Extremen ist die optimale (natürliche) Haltung zu suchen, die bei ausreichender Beweglichkeit und Stabilität das Gleichgewicht in der Bewegung gewährleistet.

Kleist schreibt in "Über das Marionettentheater": "Jede Bewegung (...) hätte einen Schwerpunkt: Es wäre genug, diesen im Inneren der Figur zu regieren; die Glieder welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgendein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst."

Der Aikidoka erhält sich sein dynamisches Gleichgewicht, indem er sein Körperzentrum kontrolliert, aus ihm heraus eine Bewegung entwickelt und in die Körperglieder überträgt. Eine tiefe Schwerpunktlage ist ebenfalls wichtig, damit die Fliehkräfte einer bewegten Masse bei Richtungswechseln möglichst geringe Kippmomente entwickeln. Die tiefe Schwerpunktlage schneller Rennwagen ist hierfür ein gutes Beispiel.

Noch schwieriger wird es, das Gleichgewicht zu wahren, wenn Führungskräfte übertragen oder zielgerichtete und kraftvolle, impulsive Bewegungen vorgenommen werden sollen. "Ki" kann nur entstehen, wenn Körper und Geist eine Einheit bilden, das bedeutet für das Bewegungsbeispiel, daß Gedanken und Handlungen synchronisiert sind. Alle Körperfunktionen sind eingebunden in ein sensibles System sich gegenseitig beeinflussender Steuerungen, Abläufe und Kreisläufe. Diese kaum überschaubare Vielfalt und Kompliziertheit spüren wir oft nur bei Störungen der persönlichen Harmonie: wenn wir krank sind an Geist und Körper oder - in östlicher Weise ausgedrückt - wir uns nicht mehr in unserem Gleichgewicht befinden. Man darf hier nicht nur einzelne Körperfunktionen (Herzschlag, Kreislauf, Muskeltonus, Verdauung usw.) isoliert sehen, sondern muss die gegenseitige Durchdringung aller Einzelteile des gesamten Menschen erkennen, welche wiederum eingebunden ist in den sensiblen Rhythmus und Kreislauf der Natur.

Aktionen und Reaktionen geschehen in so komplexen Zusammenhängen, die man weder ausreichend schnell noch umfassend genug wahrnehmen und rational verstehen kann. Die persönliche Strategie sollte daher sein, vordringlich den eigenen KI-Fluß zu trainieren, bzw. die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Kräfte werden verstärkt, wenn man sie auf ein Ziel ausrichtet. Der Aikidoka entwickelt "Ki", wenn Körper und Geist im Gleichklang und Gleichgewicht sind und auf ein Ziel ausgerichtet werden.

Die sogen. "Bioenergetiker" sagen, dass Muskelhaltung, Sinnesempfindungen, Denken und Fühlen als Pole einer Einheit in jedem Augenblick ein integriertes Ganzes bilden und bei einer harmonisch ausgeglichenen Persönlichkeit zusammenwirken. In der Bioenergetik wird versucht, mit Hilfe von Bewegungsübungen die persönliche Harmonie wiederherzustellen und den ungehinderten Ausdruck von Impulsen und Gefühlen zu erreichen. Durch grundsätzliche Veränderungen der motorischen Grundstruktur könne man abwehrende Denk- und Gefühlskonfigurationen, die sich in Muskelverspannungen widerspiegeln, lösen, ändern und dem Menschen wieder zu seiner(m) ursprünglich-natürlichen(m) Atmung, Bewegung, Gefühl und Selbstausdruck verhelfen.

Spontaneität als ein solcher Ausdruck ist auch das Ziel der Aikido-Übung. Spontaneität, Anmut und Harmonie sind Ausdruck körperlich-geistiger Ausgeglichenheit und somit Ergebnis eines dynamischen Gleichgewichts; sie stellen sich ein, wenn im regelmäßigen Aikido-Training das Gleichgewicht bzw. die passende Ergänzung (Irimi oder Tenkan) zu der Bewegung des Partners gesucht wird. In diesem Wechselspiel mit dem Trainingspartner kann man das notwendige Vertrauen zu sich selbst und in der Folge auch zu seinen Mitmenschen finden, um sich von den unbewusst geschaffenen Schutz- und Abwehrbastionen der Muskulatur und des Bewusstseins, die die Spontaneität behindern, zu lösen. Inneres und äußeres Gleichgewicht sind also eine Folge einer ständigen körperlichen Übung, die neben der Ratio auch Gefühle und Unbewusstes mit einbezieht. Die Situationen, die wir im Training simulieren und anhand derer wir Grundsatz-Reaktionsmuster verinnerlichen, sollen uns im Leben nicht mehr überraschen.

Zu den auf diese Art betrachteten und auf das persönliche Gleichgewicht einwirkenden Faktoren gehört auch unsere geistige Grundeinstellung, die die Wechselbeziehung zu der gesamten Umwelt bestimmt. Eine möglicherweise "verkrampfte" Geisteshaltung kann ebenfalls unser inneres und äußeres Gleichgewicht beeinflussen:

"Weltbild"

Der Mensch erfasst von seiner Umwelt nur das, was ihm seine Sinne vermitteln. Somit bildet diese so beschränkte Aufnahmefähigkeit eine naturgegebene Grenze der Erkenntnis; immerhin ist es möglich oder wahrscheinlich, dass es etwas gibt, was außerhalb unserer Wahrnehmungsfähigkeit liegt. Auch die Erweiterung unserer sinnlichen Wahrnehmung mit Hilfe der Technik (Strahlenmessgeräte können ein erweitertes Spektrum elektromagnetischer Wellen sichtbar machen, Teleskope und Mikroskope erhöhen das Auflösungsvermögen des Auges; die chemische Analyse ersetzt unseren Riech- und Schmecksinn; hochempfindliche Mikrophone erschließen uns die Laute der Wale.) lässt uns zwar mehr Einzelheiten und Zusammenhänge der Natur erkennen, unsere Erkenntnis bleibt jedoch begrenzt und unser verstandesgemäßes Bild von der Natur in einem Rahmen, der immer ein Rahmen bleiben wird. Eine mechanisch-lineare Betrachtungsweise der Umwelt nach den Prinzipien der Kausalität spiegelt wohl nicht die tatsächliche Welt, sondern nur ihr auf unser Vermögen reduziertes Bild wider. Letztlich sind wir aufgrund dieser Beschränkung Natureinflüssen in gewisser Weise ausgeliefert.

"rationale Absicherung"

Im Spiel der für uns nicht immer erkennbaren Kräfte entspricht der Versuch, alle Umgebungsfaktoren rational zu kontrollieren und zu beeinflussen, nicht dem Ziel der Spontaneität. Eine solche geistige Grundhaltung dürfte zu einer enormen psychischen Belastung und Verspannung führen. Vielmehr sollte man - Denken, Fühlen und Handeln durch Aikido-Training in Harmonie vereinigt - sich den "Gefahren" der Umwelt gelassen stellen. Die Aufrechterhaltung des inneren und äußeren Gleichgewichtes verspricht eine ungehinderte und wirkungsvolle Reaktion auch in schwierigen und gefährlichen Situationen, da in diesem Zustand die volle Entfaltungsmöglichkeit gewährleistet ist. Ich skizziere hier zugegeben einen Idealzustand, der sicherlich nur nach langem Training und intensiver innerer Auseinandersetzung mit den Aikido-Prinzipien erreicht werden kann. Diese bewusste und innere Auseinandersetzung mit den Prinzipien des Aikido ist nach meiner Erfahrung nur im Rahmen einer engen Schüler-Lehrer-Beziehung möglich.

Abwehrbastionen gegen Gefahren aus der Umwelt, die bewusst oder unbewusst innerlich oder äußerlich geschaffen werden, können auch zu einem Gefängnis für die eigene Person werden. Aikido-Training hilft hier, auf sich, das heißt, auf Gefühl, Intuition und Spontaneität als Elemente des Unterbewussten zu vertrauen und sich damit die Beweglichkeit und Einflussmöglichkeit im universalen Wirken der Natur zu erhalten.

Zurück zur körperlich-geistigen Haltung: Im Aikido versucht Nage (Verteidiger) mit intuitiver, reflexartiger (Re-)Aktion

    • · einen Angriff im Entwicklungsstadium umzulenken (= "IRIMI")
      oder
    • · einem bereits entfalteten Angriff auszuweichen, die Angriffsenergie aufzunehmen (="TENKAN"),

um unter Wahrung der eigenen Integrität die Geist-Körper-Einheit des Angreifers aufzuheben, ihn zu lenken, zu werfen und damit zu zwingen, das eigene Verhalten neu zu überdenken.

Wenn Uke (Angreifer) nach Irimi- (positives Prinzip) oder Tenkan- (negatives Prinzip) Aktion des Nage das Gleichgewicht verloren hat, übernimmt sein automatisches System die Bewegungskontrolle wie bereits dargestellt; Uke kann so seinen Willen nicht mehr entfalten und ist den eigenen Körperreflexen ausgeliefert, die regelmäßig, vorhersehbar und damit berechenbar und lenkbar sind.

Automatische Systeme, die dem Schutz eines übergeordneten Ganzen dienen, hat der Mensch auch in eigenen Organisationen eingerichtet, wie zum Beispiel in Not- und Rettungsanlagen, in Verkehrsregelabläufen, beim Militär, kurz überall, wo die Zeit zur Überlegung und Entscheidung in "Schadensfällen" nicht mehr ausreicht. Da die Automatismen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie nach vorgegebenen Schemata ohne menschliche Hilfe ablaufen, können sie sich in ihrem Erfolg auch gegen den Menschen richten, da sie ab einem bestimmten Stadium nicht mehr wirksam beeinflussbar sind.

Nage kann Uke führen, wenn er in seiner ergänzenden Bewegung oder Handlung das Gleichgewicht wahrt; einige der hierbei zur Erhaltung des dynamischen Gleichgewichts erforderlichen und somit kennzeichnenden Elemente seien kurz angesprochen:

    • · Kraftübertragung
      Optimale Kraftentfaltung und -übertragung erziele ich mit der Ausrichtung der Gedanken, des Gefühls und der Bewegung auf ein Ziel. Hierbei hilft mir "Ki-Ai", mit dem ich mich aber störenden Gedanken entledige und mich für einen kurzen, entscheidenden Moment mit autosuggestiver Wirkung in die nötige aggressive Grundstimmung bringe. Außerdem synchronisiere ich über den "Atemtakt" meinen Willen und mein spontanes Gefühl mit dem Zusammenspiel der Körperbewegungen. Die Bezeichnung "aggressive Grundstimmung" darf nicht missverstanden werden: Ziel ist nicht eine auf eine Person gerichtete Zerstörungsabsicht, sondern eine fast meditative, angstfreie Bereitschaft, alles zu geben.
      Im körperlichen Bereich wirkt die physikalische Impulskraft der beschleunigten Gesamtkörpermasse durch Einsatz des Zentrums ("Hara") über die arretierte Muskel-, Gelenk- und Knochenkette in einer beschleunigten, kulminierenden Bewegung.
    • · Harmonische Distanz ("Ma-Ai")
      Was das ist, weiß jeder, der beispielsweise einem Hund zu nahe gekommen ist, wo sie liegt, fühlt jedoch nicht jeder sofort, weshalb uns manchmal unbehaglich wird, wenn uns Fremde zu nahe kommen. Der Raubtierdompteur kennt die richtige Distanz zu seinen Tieren genau, denn er führt diese mit diesem Prinzip.
      Distanzgrenzen lassen sich nicht im voraus für alle Situationen definieren, weil die Distanzbedürfnisse von Fall zu Fall unterschiedlich sind und von vielen inneren und äußeren Faktoren abhängen. Hier sollten wir uns vor allem auf unser Gefühl verlassen, das unbewusst Signale des anderen wahrnimmt.
      In der Aikido-Technik wird die richtige Distanz weitgehend durch die gestreckte Tegatana bestimmt. Die relative Position zum Uke ist in bestimmten Grenzen veränderlich, weil sie von Körpergröße, Körperhaltung, Geschwindigkeit, Zeitpunkt und von der jeweiligen Technik abhängt. Trainieren sollten wir die Distanzverhältnisse, die für die häufigsten Konstellationen und wahrscheinlichsten Situationen zutreffen.
      Im Aikido überschreitet Uke die harmonische Distanz, wenn dieser sich mir so weit nähert, dass er körperlich oder mit Hilfsmitteln auf mich einwirken könnte; spätestens in diesem Moment muss ich reagieren.
      Bei Ausübung einer Aikido-Technik ist die Distanz des Nage zum Uke dann richtig, wenn sie in jeder Phase der Bewegung Gleichgewicht, Bewegungsfreiheit und optimale Kraftübertragung zulässt. Diese Bedingungen führen meistens immer auch zu einer möglichst aufrechten Körperhaltung.
    • · Schwerthand ("Tegatana")
      Die Hände und die Arme können einen Impuls nur dann verlustlos übertragen, wenn sie gestreckt und arretiert werden.
      Sie müssen in ihrer Funktion als integrierte Körperteile und nicht als verselbständigte Einzelteile oder Instrumente gesehen werden.
      Viele Aikido-Techniken haben vermutlich ihren Ursprung in der Zeit des Schwertkampfes. Auch die Aikido-Distanzen und Bewegungen haben eine Nähe zu den Situationen des Schwertkampfes. Daraus darf jedoch nicht der falsche Schluss gezogen werden, dass die eigenen Arme ständig wie unbewegliche Schwerter zu halten seien. Vielmehr ist das Bewegungsvermögen der Arme und Gelenke in höchstem Maße auszunutzen. Entscheidend ist nur, dass im Moment der Kraftübertragung die Tegatana möglichst gestreckt wird, weil so die größte Impulskraft übertragen werden kann. Außerdem ist eine weitgehend gestreckte Haltung der Tegatana sehr wichtig zu Wahrung der nötigen Handlungsdistanz, ohne die Aikido-Technik nicht mehr anwendbar ist.
      Die gedankliche Vorstellung, "dass Ki aus meinem Zentrum durch die Tegatana fließt", hat eine suggestive Wirkung, die die Synchronisation von Körper und Geist sehr unterstützt. Bei der Ausübung einer Aikido-Technik sollte man immer an den Fluss seines "Ki" denken. Ich stelle mir also in der Übung vor, daß Ki aus dem Zentrum durch die Tegatana in den Raum fließt und gewinne damit die notwendige mentale Einstellung.
    • · Rhythmus, Harmonie ("Ai")
      Gezielter Einfluss und Wirkung im Sinne des Aikido sind nur möglich, wenn es gelingt, den eigenen Rhythmus mit dem des oder der anderen zu synchronisieren. Für diese Absicht gibt es viele Beispiele aus unserem Leben: Resonanzschwingungen durch Schallwellen, elektromagnetische Resonanzabstimmung des Drehkondensators zur Frequenzabstimmung des Radioempfängers; Einsatz von Moderatoren in Kernkraftwerken, die die Geschwindigkeit der spaltenden Neutronen bremsen; das automatische Synchrongetriebe; das Einfädeln im Straßenverkehr; das Schwingen beim Alpinskilaufen; der Takt des Orchesters; die Abstimmung der Atemfrequenz auf den momentanen Energiebedarf des Organismus usw.. Auch unsere Sprachverständigung ist ein andauernder Synchronisationsvorgang. Die Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen, da in der Natur alles Leben und alle stabilen Zustände schwingen, kreisen und sich wiederholen. überall dort, wo wir eine Synchronisation der Vorgänge nicht erreichen, dürfte der Energieaufwand zur Erreichung des angestrebten Ziels extrem hoch sein. Der Wirkungsgrad einer Aikido-Technik, die nicht synchronisiert ist, ist daher sehr schlecht.
      Bei zu ungestümer Bewegung des Nage geht aufgrund der Trägheit der Körpermassen Impulsenergie infolge der gegeneinander laufenden Bewegungen mit Reibungs- und Deformationsverlusten in der Übertragungskette verloren; bei zu geringem Tempo verliert Nage den Kontakt zum Uke.
      Das rechte Maß zum richtigen Zeitpunkt als Ausdruck der Harmonie - man kann es rational nicht vorausberechnen, sondern muss es üben, um es in der Situation geschehen zu lassen.

Ein Synchronisationsvorgang beinhaltet so vielfältige Aspekte, dass es nicht genügt, nur die vordergründige Situation zu sehen. Angezeigt sind vielmehr komplexes Denken und ganzheitliche Sichtweise, Schlagwörter aus der modernen Lehre und Wissenschaft, die sich in der Praxis sichtbar an medizinischen Behandlungskonzepten oder zum Beispiel am Garten- und Landschaftsbau erweisen. Für viele Aikidoka dürfte eine solche Sichtweise der Dinge zu den grundlegenden Prinzipien ihrer Lebensführung gehören.

Auf eine zu erwartende Verteidigungssituation übertragen bedeutet eine ganzheitliche Sichtweise, die Entwicklung zu einer Aggression wahrzunehmen und nach einer Handlung die weitere Entwicklung zu begleiten. Die geistig- und gefühlsmäßige Synchronisation mit einer sich anbahnenden aggressiven Situation sollte frühzeitig, im Vorstadium erfolgen. Gelingt dies, ist der Aufwand für Einflussnahme und Steuerung relativ gering, der Wirkungsgrad der eigenen Bemühungen groß. Dies wiederum setzt eine ständige geistige Präsens, sensible Wahrnehmung und Gelöstheit beim Aikidoka voraus. Wir wissen, dass eine Konfliktsituation nicht zeitlich isoliert betrachtet werden darf, sie in der Regel ein Endpunkt einer Entwicklung ist, auf die wir vorher Einfluss ausüben können. Vermutlich aus diesem Grunde kommen die meisten Aikidoka überhaupt nicht mehr in Situationen, in denen sie Aikido-Technik anwenden müssen.

Eine sich anbahnende Entwicklung wahrzunehmen oder zu erahnen, bezeichnen wir auch als Intuition. Möglicherweise ist die Intuition das Ergebnis einer geistigen Synchronisation mit dem anderen. Da sich alle menschlichen Körper in ihren Grundfunktionen ähneln, können sie zueinander in Gleichklang gebracht werden; das Tanzen ist dafür ein weiteres Beispiel. Da der Aikidoka die Aufgabe hat, diesen Gleichklang ständig zu suchen, um sich mit der Bewegung des anderen zu synchronisieren, wird die motorische Auffassungsgabe sehr geschult. Aikido-Training kann daher die empathische Fähigkeit entwickeln, durch Identifikation des körperlichen Ausdrucks des anderen zu fühlen und zu erahnen, was in dem anderen vorgeht.

Abschließen möchte ich dieses Kapitel wiederum mit einem Zitat aus Kleists "Über das Marionettentheater", das zum Überlegen anregt: "... Denn Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung.... Solche Missgriffe sind unvermeidlich, seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es hinten irgendwo wieder offen ist."

5. Beispiel einer Lebenssituation

Die Auswirkungen von Körperhaltung und Gleichgewicht sollen am Beispiel einer erzwungenen Haltung, der militärischen Grundhaltung, erläutert werden.

Personen, die ausgeglichen sind, inneres und äußeres Gleichgewicht wahren, also Hara besitzen und Ki zeigen, sind sicherlich schwieriger zu führen und zu lenken als diejenigen, die diese Eigenschaften der inneren Stabilität und Gelassenheit nicht besitzen.

In größeren Organisationen mit einer großen Anzahl ausführender Organe wie zum Beispiel beim Militär, in denen weniger die individuell-künstlerische Entfaltung, sondern das sinnvolle Zusammenwirken der einzelnen zur Verwirklichung eines übergeordneten gemeinsamen Zieles angestrebt wird, bildet die Menschenführung die wesentliche Grundlage für den Erfolg. Der Vorgang des Führens wird - hier äußerlich besonders gut sichtbar - u. a. auch mit Verhaltensregeln unterstützt. Soldaten als ausführende Organe werden mit einer zweckgerichteten Ausbildung physisch und psychisch auf die unmittelbare Ausführung von Anordnungen vorbereitet. Die sog. "Grundhaltung" ist auch in diesem Sinne eine vorbereitende Übungsform:

Auf ein bestimmtes Kommando hin hat der Befehlsempfänger eine angespannte Körperhaltung anzunehmen, die unbekannt, unnatürlich ist und die er normalerweise auch nie einnehmen würde. Der gesamte Körper wird angespannt, Beine und Rücken durchgedrückt, Oberkörper vorgeschoben, Arme durchgedrückt und fest angelegt, der Hals angespannt. Man ist in einer vollkommen statischen Haltung gefangen, die Mitte wird abgeschnürt, man versammelt sich oben. So lernt der Befehlsempfänger, die eigene Körperharmonie und Integrität aufzugeben, und wird damit zum leichter lenkbaren Instrument der militärischen Organisation. Der Befehlende verstärkt sich dadurch, daß er die ihm Untergeordneten auf das von ihm vorgegebene Ziel ausrichtet - hier eine militärische Notwendigkeit. Die Polarität von Befehlendem und Befehlsempfänger bildet wieder eine Einheit und ein Gleichgewicht, wobei - bildlich gesprochen - der Befehlende im Zentrum steht.

Aufgrund der statisch verspannten Grundhaltung stauen sich beim Soldaten die Energien. In der Bewegungslosigkeit können sie nicht abfließen. Da mit dem anschließenden Befehl zur Ausführung irgendwelcher Aufgaben die Entspannung erfolgen kann und das innere Gleichgewicht wieder hergestellt wird, stellt die häufige Wiederholung dieser Vorgänge eine psychische Einstimmung dar mit dem Ziel, Befehle zu bejahen und sie nicht ständig kritisch zu überprüfen - grundsätzlich auch eine militärische Notwendigkeit. Die Grundhaltung hat also neben dem Ziel der Normalisierung der Umgangsformen auch einen weiterführenden Sinn.

6. Schlußbetrachtung

Menschliche Unvollkommenheiten führen in der Entwicklung oft zu der Einsicht bzw. zu der Auffassung, dass man sich auf seine spontane Reaktion nicht immer verlassen kann. Das sich entwickelnde Kind entdeckt, dass es sich aufgrund irgendwelcher "Mängel" vorbereiten und voraus denken muss. So ist es möglich, dass es in seiner den natürlichen Neigungen entsprechenden Entwicklung gestört wird. Die Unbefangenheit geht so im Laufe der Lebenserfahrung mehr und mehr verloren. "Da dem in seinem Ich Befangenen jenes ursprüngliche Lebensvertrauen fehlt, das Ausdruck ist seiner Präsenz aus dem Sein, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich den Kräften seines Ichs abzusichern. So beruht sein Selbstgefühl auch ausschließlich auf dem, was er kann, hat und weiß. Der in seinem Welt-Ich gefangene Mensch ist immer dabei, seine Position auszubauen und zu wahren . . ." (aus "Hara"). Die so erreichten Erfolge in der Welt bringen weder dauernden Segen noch Erfüllung, da im (angsterfüllten) Streben nach nachweislicher Sicherheit die Primärnatur des Menschen in Wachsamkeit, Panzerung, Misstrauen und Isolation verloren geht. Dass man diese Eigenschaften auch im Verhältnis der Staaten zueinander findet, ist wohl ebenfalls kein Zufall. Hier liegt eine große Chance des Aikido nicht nur für die Entwicklungsmöglichkeiten des einzelnen, sondern auch im Hinblick darauf, dass in Anbetracht der skizzierten Zukunftsperspektiven mit dem Prinzipiengebäude und den Verhaltensnormen des Aikido die Harmonie verwirklicht werden könnte, die bei dem ständig wachsenden Gefährdungs- und Vernichtungspotential der Menschheit zur Konfliktbewältigung in Zukunft erforderlich ist. Aikido trainiert die Erhaltung des Gleichgewichts in Konfliktsituationen. In dem Maße, in dem die Angst vor dem Fall verloren geht und das eigene Ki, das Hemmnisse beseitigt, wächst, findet der Aikidoka auf dem Wege der körperlichen Übung - bzw. im späteren Stadium auch der körperlich-geistigen Übung - die innere Ruhe und Gelassenheit, um sich dem Leben zu öffnen: In Vollendung bekundet sich dieser Zustand der inneren Reife durch den spontanen und ungehinderten Fluß der Gedanken und Gefühle und - auf der Tatami - im Ausdruck dieser inneren Harmonie in Haltung und Bewegung. Jedoch stellt sich dieser Zustand nicht einfach bei gedankenloser Bewegung oder bei dem Versuch der vollständigen rationalen Durchdringung eines Bewegungsablaufes ein, sondern durch intuitive Beachtung verinnerlichter Prinzipien, die das Aikido beinhaltet. Das "Prinzip" wahrt das Gleichgewicht von Denken und Fühlen, so dass zwischen beiden eine Harmonie besteht, die nicht immer kontrolliert werden muss. Bei Beachtung von Prinzipien geht man Situations- und Verhaltensextremen aus dem Weg; sie sind die Grundlage für das Gleichgewicht, das für den glatten Fluss des Lebens sorgt. Sie entwickeln sich aus extremen Erfahrungen heraus und spiegeln daraus resultierende Überzeugungen wider. Aikido ist auch der in Körpersprache kodierte Ausdruck wesentlicher Prinzipien; aber es ist nicht nur Ausdruck, sondern auch und viel mehr Methode! Im wechselseitigen Training wird der Ausübende in die Situationen gestellt, in denen er starken Belastungen und Gefahren ausgesetzt ist und in deren Bewältigung er das Prinzip entwickelt. Erfahren, Erkennen, Entwickeln und Verinnerlichen bilden einen Prozess. Beim Aikido hat sich ein Prinzip etabliert, wenn in ständiger Wiederholung zur Bewältigung einer Konfliktsituation Körper, Denken und Fühlen zu einer Einheit verschmolzen wurden. Ein Prinzip des Aikido beinhaltet die Vorstellung, dass allen Gegensätzen eine Einheit zugrunde liegt: 'Weil der Mensch in seiner Ganzheit beide Pole umfasst, liegt das Heil seines Lernens nur auf dem Wege, der sie miteinander verbindet und vereint. Der Mensch ist dazu bestimmt, in allen Gegensätzen wieder die Einheit zu manifestieren . . ." ("Hara").

Nun beginnen sollte man dazu zunächst einmal mit der korrekten Körperhaltung ....

Ulrich Schümann

Literaturhinweise

 

    • · Capra, Fritjof

"Der kosmische Reigen" bzw. "Das Tao der Physik / Wendezeit"

    • · Graf Dürckheim, Karlfried

"HARA"

    • · Feldenkrais, Moshe

"Bewußtheit durch Bewegung - Der aufrechte Gang "

    • · Hoffmann, Wolfgang

"Die Budo-Praktiken" (Diplomarbeit)

    • · von Kleist, Heinrich

"Über das Marionettentheater"

    • · Kuhn, Wolfgang

"Funktionelle Anatomie des menschlichen Bewegungsapparates"

    • · Leonard, George

"Der Rhythmus des Kosmos"

    • · Linke, Harold

"Instinktverlust und Symbolbildung"

    • · Lindner, Hermann

"Biologie" (Lehrbuch)

    • · Lowen, Alexander

"Bio-Energetik"

    • · Portmann, Adolf

"Biologie und Geist"

    • · Watts, Alan W.

"Weisheit des ungesicherten Lebens"

    • · Westbrook, A. und
      Ratti, O.

"Aikido and the Dynamik Sphere"