Auswahl der Technik beim Kampf

Die Wahl der richtigen Abwehr-, Angriffs-, Kontertechnik hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Jeder Kampfsportler sollte sich im Vorfeld Gedanken machen, welche Technik er bei wem unter welchen  Bedingungen ausführen will. Das macht die Entscheidung im Ernstfall hoffentlich etwas einfacher. Etwas Glück spielt natürlich auch mit.

1. Die Angriffsrichtung: Kommt der Gegner auf mich zu? Zieht er mich weg? Hebt er mich hoch?

2. Die Art des Angriffs: Will mich der Gegner beleidigen,  einschüchtern, schlagen, treten, würgen, festhalten, vergewaltigen, mit einer Waffe bedrohen, töten?

3. Die Stärke des Gegners: Ist er groß oder klein? Ist er  feingliedrig oder kompakt? Ist er muskulös? Lässt er durch Bewegung und Haltung auf Kampfsporterfahrung schließen? Ist er alkoholisiert oder steht er unter sonstigen Drogen?

4. Die Anzahl der Gegner: Ist er alleine? Ist er in einer Gruppe? Wer ist noch in der Gruppe?

5. Die Umgebung: Wie gro ist die Kampffläche? Sind wir oder  andere durch die Art der Umgebung gefährdet? Ist der Gegner durch dicke Kleidung geschützt? Sind wir durch unsere Kleidung unbeweglich?

6. Welche Techniken liegen uns am meisten? Sind wir mehr Ringer, Boxer, Spezialist für Hebel oder Fußtritte?

Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Was wir daraus lernen, ist, dass wir innerhalb kürzester Zeit  eine Entscheidung treffen müssen, die uns vielleicht rettet und zum Helden des Tages werden lässt, vielleicht aber auch vorbestraft und  arbeitslos.

Spannung

Wenn es um das wirkungsvolle Gelingen einer Angriffs- oder Verteidigungstechnik geht, ist ein zentrales Element aller Kampfsportarten und Kampfkünste das richtige Verhältnis zwischen  Anspannung und Entspannung, Kincho.

Sind wir bereit zum Kampf, ist unsere Muskulatur entspannt, um schnelle Aktionen und Reaktionen zuzulassen.

Ist unsere Muskulatur verkrampft, werden wir langsam, und wir  lassen uns leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Wir ermüden schnell, da mit zunehmender Anspannung der Muskeln zunehmend Energie und Sauerstoff verbraucht werden. Unsere Atmung wird unregelmäßig, unsere  Konzentration lässt nach, und unsere Technik wird ungenau.

Entspannung dürfen wir nicht mit Schwäche verwechseln.

Wir müssen uns entspannen können, damit wir bei Abwehr oder  Angriff unseren Körper mit Leichtigkeit schnell und sicher mit seinem ganzen Gewicht in Bewegung bringen und somit große Energie erzeugen können.

Erst unmittelbar vor Vollendung der Technik wird diese Energie in den benötigten Muskeln konzentriert und auf den Gegner übertragen. Die die Technik ausführenden Muskeln werden für Sekundenbruchteile bei  Bedarf bis zur maximalen Kraftanstrengung angespannt, bis die Technik beendet ist, sei es eine Block-, Schlag-, Wurf-, Hebel- oder  Würgetechnik.

Unmittelbar vor Beginn der Technik atmen wir aus, gegen Ende der Technik unterstützen wir das Ausatmen aktiv durch Anspannung der unteren Bauchmuskulatur.

Nach Beendigung der Technik entspannen wir die Muskeln sofort, um für neue Taten bereit zu sein. Wir atmen ein.

Ich glaube, dass die Verinnerlichung dieses Prinzips durch intensives Training auch zum richtigen Verhältnis zwischen Spannung und  Entspannung im Alltag führt und uns leichter und energischer durchs  Leben gehen lässt. Einer von vielen Gründen, Budo zu betreiben.

Haltung

Die korrekte Haltung - shisei- bedeutet, sich so zu  positionieren, dass man fest stehen und sich im Gleichgewicht bewegen kann. Rumpf und Kopf befinden sich normalerweise in einer senkrechte  Linie über der dem Körperzentrum im Unterbauch. Erst unmittelbar vor der Ausführung mancher Techniken, z.B. Hüftwürfen, findet eine Verschiebung dieser Linie statt, bei manchen Techniken wird sie kurzfristig auch  ganz aufgegeben, z.B. bei Selbstfallwürfen.

Um nicht nur fest zu stehen, sondern gleichzeitig auch schnell und flexibel zu bleiben, ist die Grundhaltung entspannt, die Schultern  sind locker, die Atmung erfolgt mit dem Zwerchfell, das Körperzentrum  bleibt tief.

Die Wirkung auf andere sollte selbstsicher aber nicht  überheblich, entspannt aber nicht schlaff, offen aber nicht unachtsam,  friedfertig aber nicht wehrlos sein.  Die äußere und innere Haltung eines fortgeschritteneren Kamfkünstlers sind sicher auch Gründe, warum er selbst seltener in Konflikte verwickelt ist als andere.

Atmung

Rein biologisch gesehen ist die Einatmung ein aktiver Vorgang, d.h. ein mit Muskelkraft durchgeführter Vorgang. Durch das  Zusammenziehen des Zwerchfells, Teilen der Zwischenrippenmuskeln und der Schultergürtelmuskeln entsteht in der Lunge ein Unterdruck und Luft  strömt von außen ein. Sauerstoffreiche Luft gelangt in die  Lungenbläschen, wo sie vom Blut aufgenommen und zu den Zellen  weitertransportiert wird.

Beim Ausatmen brauchen wir im Normalfall keine Muskelkraft.  Nur bei erwünschtem oder notwendigem beschleunigten oder tieferem Ausatmen spannen wir Bauchmuskeln und Zwischenrippenmuskeln an und  beugen den Rumpf nach vorne. Das Zwerchfell erschlafft, die elastischen Fasern der Lunge ziehen sich zusammen und der Überdruck in der Lunge passt sich dem dem Umgebungsluftdruck an, d. h. die kohlendioxidhaltige  und sauerstoffarme Luft strömt nach außen.

Um eine entspannte Haltung einnehmen und möglichst effizient Sauerstoff aufnehmen zu können, sollte man beim Einatmen die Zwerchfellatmung üben. Atmet man so ein, bleiben die Schultern entspannt und die Lunge füllt sich gleichmäßiger mit Luft. Mit dem deutschen Ideal “Bauch rein, Brust raus”€ sollte man daher abschließen. Ist die Rumpfmuskulatur schon beim Einatmen, d.h. vor der Ausführung einer Kampfkunsttechnik angespannt, so wird die Bewegung langsam, verkrampft und wenig wirksam. Die Hüfte kann nicht richtig gedreht werden und der  gesamte Körper wird unflexibel.

Sobald Kraft oder Energie auf den Gegner gerichtet wird, erfolgt die Ausatmung. Je nach Technik kann sie langsam beginnen und erst zum Abschluss schneller werden, z.B. wenn der Gegner erst in eine  Wurftechnik geführt wird. Sie kann aber auch sofort mit einem starken Anspannen der unteren Bauchmuskeln erfolgen, eventuell verbunden mit  einem Schrei (Kiai), z.B. bei einem Fauststoß.

In weiten Teilen Asiens und in den meisten Kampfkünsten glaubt man außerdem, dass mit der Einatmung kosmische Energie von außen  aufgenommen wird, die unsere Lebensenergie darstellt. Falsche Atmung  oder Störungen der Atmung bedeuten daher auch immer eine Störung der  Lebensenergie und äußern sich in physischer und/oder psychischer Schwäche oder Krankheit.

Irimi und tenkan- Prinzipien der Abwehrbewegung

Irimi und tenkan können innerhalb einer Verteidigungssituation beide im Wechsel vorkommen.

Irimi - innerer Eingang; mit dem Körper eintreten; positives, aktives Prinzip (Yang)

Wir nehmen die Energie des Angreifers zu Beginn ihrer  Entwicklung auf und führen sie auf einer anderen Linie vor ihm auf ihn  zurück.

Typisch sind geradlinige Bewegungen.

Voraussetzungen: Entschlossenheit, starkes Ki, schnelle und sichere Reaktion, sicherer Stand

Tenkan - Äußerer Eingang; drehen; negatives, passives Prinzip (Yin)

Wir weichen dem Angriff nach außen aus, vereinigen unser Zentrum mit dem des Gegners und führen die Angriffsenergie kreisförmig weiter.

Typisch sind Schrittdrehungen.

Tenkan ist immer anwendbar, auch wenn der Angriff sehr stark oder weiter fortgeschritten ist.

Voraussetzungen: Entspanntheit, ständig fließendes Ki, gute Synchronisation von Angriffs- und Verteidigungsbewegung