Psychologie und Taktik in der Selbstverteidigung

Wie die eigentlichen Kampftechniken selbst müssen auch psychologische und taktische Maßnahmen trainiert und erlernt werden, Rollenspiele eignen sich hierzu am besten. Beim Üben müssen wir voll  konzentriert sein und uns vorstellen, es handle sich um eine  realistische Situation.

Ein Training ein- oder zweimal in der Woche allein kann dies jedoch nicht leisten. Wir müssen auch im Alltag lernen, uns selbst zu  behaupten, Ängste abzubauen, vorhandenes Potential zu nutzen und  blockierte Energie frei zu setzen.

Gefahren vermeiden

  • Nachts nicht durch unbeleuchtete Gegend gehen
  • In der Menge bleiben
  • Autoinspektion, nicht mit leerem Tank fahren
  • Türen und Fenster schließen
  • Fremde vorausgehen lassen
  • Fluchtweg offen lassen
  • Termine richtig legen
  • Umgebung beobachten
  • Sich nicht auf andere verlassen
  • Nicht mit Fremden mitfahren
  • Auch Bekannte und Freunde genau beobachten
  • Bei ungutem Gefühl weggehen
  • Belästigungen anzeigen
  • Nicht provozieren, Eskalation vermeiden
  • Usw.
  • Eigene Grenzen erkennen

    Um die eigenen Grenzen erkennen zu können, müssen wir uns selbst zuerst genau beobachten und  uns ehrlich auf verschiedene Fragen antworten.

    Die Unangenehm- Grenze:

    Welche messbare und emotionale Distanz ist mir angenehm (verschiedene Situationen und Personen vorstellen), fühle ich mich dabei sicher? Wann wird die Distanz zu klein und für mich unangenehm?

    Ziel: Die eigene harmonische Distanz (ma ai) erkennen.

    Die Verteidigungsgrenze:

    Wann bzw. in welchen Situationen wäre ich bereit, mich tatsächlich zu verteidigen? Bei  Beleidigung, Raub, körperlicher Gewalt, Vergewaltigung, ...?

    Ziel: Wissen, was man auf keinen Fall ungestraft mit mir machen kann.

    Die Angstgrenze:

    In welchen Situationen habe  ich Angst oder fühle ich mich unsicher? In fremder Umgebung, Kontakt mit Unbekannten, im Dunkeln, alleine, in Menschenmengen, ...?

    Ziel: Erkennen, an welchen Ängsten und Unsicherheiten ich arbeiten muss.

    Die Erziehungsgrenze:

    Darf ich aus der Rolle fallen? Darf ich auffallen? Darf ich mich beschweren und meine Meinung sagen? Darf ich an mich selbst denken oder immer zuerst an andere?

    Ziel: Erkennen, ob die gute Erziehung wirklich immer so gut ist.

    Die Potentialgrenze:

    Was kann ich schon? Was könnte ich, wenn ich wirklich wollte? Welche Möglichkeiten habe ich, um meine  Fähigkeiten zu erweitern? Bin ich stark, beweglich, schnell? Welches Training könnte meinen vorhandenen Fähigkeiten entsprechen?

    Ziel: Erkennen, dass ich in der Lage bin, etwas zu tun, wenn ich es will.

    Die Ohnmachtgrenze:

    Ist der Angreifer so übermächtig, dass ich keine Chance habe? Mache ich es noch schlimmer,  wenn ich mich zur Wehr setze? Welche Chancen könnte ich haben? Wird es  besser, wenn ich mich nicht zur Wehr setze?

    Ziel: Erkennen, dass es Möglichkeiten gibt.

    Opfer- Täter- Rolle

    Die nachfolgenden Profile  beschreiben die typischen Verhaltensmuster des Täters und des Opfers. Die Darstellung ist zwar etwas pauschalisiert, aber insgesamt sicher zutreffend.

    Wir sollten als Opfer diese  typischen Verhaltensmuster ablegen und somit den Täter in seiner  Angriffslust bremsen. Erfahrungsgemäß geraten wir erheblich seltener in schwierige Situationen, wenn wir durch selbstsicheres Auftreten erst gar nicht als Opfer in Betracht gezogen werden.

    Das Opferprofil:

    - körperlich unterlegen

    - stuft sich als wertlos, erfolglos und schwach ein

    - traut sich selbst nichts zu, passiv, wirkt antriebslos

    - sucht auch nach einem Angriff die Schuld bei sich selbst ("Hätte ich dies und jenes nicht gemacht, ...")

    - denkt negativ ("wenn, aber, hätte ich, keine Zeit, kann ich nicht, ...")

    - geduckte Haltung, Blick nach unten, hängende Schultern, unsicherer Gang, ...

    Das Täterprofil:

    - körperlich überlegen

    - war häufig früher selbst Opfer

    - ist feige (sucht sich schwache Opfer, tritt in der Gruppe auf, wird unsicher bei Widerstand)

    - steht häufig unter Drogen-/Alkoholeinfluss

    - Sexualtäter

    - ist sich seiner Sache sicher, macht Fehler

    - Imponierhaltung, Blick nach vorne, aufrechter Gang, große Schritte, ...

    Chancen optimieren

    Um unsere Chancen zu verbessern, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit so wenig wie möglich  Schaden zu überstehen, dürfen wir das Training (ich wiederhole mich)  nicht auf das Dojo beschränken und müssen immer ernsthaft (kann trotzdem mit Freude sein) trainieren.

    - Einstellung, Haltung:

    Ich denke positiv, ich bin im Recht, ich werde mich wehren, ich werde meine Chancen nutzen

    Ziel: mit Entschlossenheit auftreten

    - Angst abbauen:

    Im Alltag immer wieder Unangenehmes bewusst angehen: widersprechen, vor Gruppen sprechen, Aufzug fahren , ...

    Ziel: Nicht erstarren, Überblick behalten und denken können

    - Zorn:

    Die vorhandenen Aggressionen nicht in sich hinein fressen sondern nach Methoden suchen, sie raus zu lassen: schreien, knurren, Sport, Atemtechniken, ...

    Ziel: Die vorhandene Energie kanalisieren und nutzen.

    - Aufmerksamkeit:

    Umgebung wahrnehmen, potentielle Täter erkennen und einschätzen, ...

    Ziel: Rechtzeitig richtig reagieren, vorbereitet sein.

    - Einen Plan haben:

    Vorgehensweise im Geist durchgehen. Was mache ich, wenn ...?

    Ziel: im Ernstfall nicht nachdenken müssen.

    - Aus der Fassung bringen:

    Fragen: Warum sind Sie so  unfreundlich? Wollen sie mir Angast machen? ... Schreien, Aufmerksamkeit erregen und auf die Situation ziehen. Blickrichtung auf fiktives Ziel lenken, um den Täter abzulenken. Etwas ins Gesicht werfen, spucken, ...

    Ziele : Zeit gewinnen, um sofort zu handeln, Entschlossenheit des Täters mindern.

     

    - Sprechen:

    Deutlich benennen, was stört,  was wir nicht wollen. Deutliche Anweisungen geben für jetzt und die Zukunft. Nicht auf Diskussionen einlassen (NEIN sagen, max. 2-3 aussagekräftige Sätze.)

    Ziel: Grenzen entschlossen zeigen.

    - Taktik:

    Schwäche vortäuschen, um im richtigen Moment zu explodieren. Ablenken.

    Ziel: listig sein.

    - Kampftechnik:

    Lernen, Techniken richtig auszuführen, um sie effektiv anwenden zu können und sich dabei nicht zu verletzen.

    - Sportliche Fähigkeiten:

    Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Gelenkigkeit, ... verbessern.

    Fazit:ca. 90% mentale SV, ca. 10% physische SV

    Kraftquellen

    Kraft der Muskeln:

    Ist beim Kampf unbestreitbar von Vorteil, kann aber bei einem Jiu-Jitsu- Training 1-2 mal wöchentlich nicht wirklich erreicht werden, weil andere Dinge wichtiger sind. Also Hausaufgaben machen, z.B. Liegestütze, Kniebeugen, körperlich arbeiten,  Bauch- und Rückentraining.

    Kraft der Psyche:

    Die Energie aus Angst und Zorn kanalisieren und nutzen. Sich konzentrieren, leer sein. Selbstvertrauen haben.

    Kraft der Bewegung:

    Durch Schritte, Hüftdrehung und Körpereinsatz an Kraft und Dynamik gewinnen

    Kraft der Atmung: (Kokyu)

    Ausatmen bei Anstrengung (nicht pressen) und dabei Ki fließen lassen. Einatmen in der Entspannungsphase und das Ki des Täters einsaugen. Kiai üben.

    Kraft des Angreifers:

    Siegen durch nachgeben,  ausweichen, umlenken der Kraft des Gegners. Wenn nicht anders möglich die Energie verdoppeln durch auflaufen lassen, in die Technik direkt hinein laufen lassen.